Hinter den Kulissen: QE GmbH
Di. 14.11.2023, 14:00
Luftqualität einfach gemacht - das verspricht die QE GmbH mit ihrem Hauptprodukt Wuerfeli. Mitgründer Laurin und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, Innenräume sicherer zu machen. Im Gründerinterview sprechen sie über ihren unternehmerischen Werdegang und die Herausforderungen bei der Produktentwicklung in Zeiten der Chipkrise.
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Bevor wir über dein Unternehmen sprechen; wer bist du? Stell dich und deine Firma doch bitte kurz vor.
Mein Name ist Laurin, ich bin 28 Jahre alt, komme aus Masein (GR) und schliesse gerade den Master in Elektrotechnik an der ETH ab. Quanta Elusio - kurz QE - ist eine abgeleitete Wortkombination aus Quanta und Elusive. Der Name beschreibt unsere Leitfrage - wie viel gibt es, von dem Unsichtbaren? Das Wuerfeli ist unsere erste Antwort darauf. Denn es visualisiert farbenfroh die Menge an verbrauchter Luft in Innenräumen. Damit machen wir einerseits auf ein verbreitetes Problem aufmerksam - die schlechte Luft vielerorts - und animieren gezielt ans Lüften. Frische Luft ist ein Wundermittel, wenn es um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen geht.
Wann und wie entstand der Gedanke bzw. die Idee ein eigenes Unternehmen zu gründen? Was hat dich dazu verleitet?
Es gab keinen spezifischen Aha-Moment. Es war eine organische Entwicklung über viele Jahre. Zu Beginn waren es kleine Aufgabenbereiche in diversen Vereinen. Verantwortung und Freiheit in der Entscheidungsfindung nahmen stets zu, was mir zusagte. Insbesondere die Energie, die zusammenkommt, wenn die richtigen Menschen miteinander an einem Strang ziehen, fasziniert mich bis heute und ist die treibende Kraft hinter jedem Projekt. Im Jahre 2020 durfte ich z.B. mit meinen Freunden das Autokino der Bündner Berge realisieren - von der blossen Idee beim Abendessen bis hin zur Durchführung des 63. und letzten Filmabends vor versammeltem Publikum. Vielleicht war das mein Aha-Projekt, welches mir Mut gab, auch grösseren Ideen nachzugehen - es folgte die QE. Team und Know-How von der ETH, kombiniert mit dem Mut fürs Machen. So haben wir uns aus Spass einmal die Woche getroffen, um ein eigenes Luftmessgerät zu entwickeln. Die Funktionalität war zu Beginn aber nicht definiert. Zwei Fragen halfen uns aber, eine eindeutige Antwort zu finden. Was beeinflusst den Menschen und was kann er von Hand beeinflussen? Unter allen messbaren Grössen blieb lediglich das CO2 übrig. Denn bei der kalten Verbrennung im menschlichen Körper wird stets ein Teilchen Sauerstoff mit einem Teilchen Kohlendioxid ausgetauscht. Anhand der CO2 Konzentration lässt sich so die menschliche Aktivität in Innenräumen besonders gut beobachten und das Lüften wird ebenfalls messbar. Wir Bastler waren fasziniert und das Produkt in seiner groben Funktion definiert. Nach rund 4 Monaten hatten wir unsere ersten Prototypen und waren sehr stolz. Es sind eben die kleinen Dinge im Leben. Zeitgleich gab es hitzige Debatten um die Übertragungswege von Covid-19. Einige Stimmen aus der Wissenschaft wurden laut, und wir ringhörig. Die ausgeatmete Luft kann Viruskopien beinhalten, welche wiederum lange Zeit in der Luft schweben kann. Ein bisschen wie der feine Staub im Sonnenlicht, der fröhlich durch die Luft tanzt, einfach viel kleiner, nicht sichtbar, und ansteckend. Diese Teilchen können, falls überhaupt, nur mit aufwendigen Test Setups gemessen werden. Es bedarf einem Hilfsparameter - und dieser ist die Menge an CO2, welche sich im Raum befindet. In einfachen Worten: je länger Menschen Zeit in einem Innenraum verbringen, desto höher die CO2-Konzentration und somit die Wahrscheinlichkeit von Viruspartikeln in der Luft. Mit dieser Hypothese im Handgepäck haben wir unseren ersten Auftrag an Land gezogen, und zusammen mit der EMPA in 59 Bündner Schulen eine umfassende Luftstudie durchgeführt. Irgendwann zwischen Prototypen und Studienstart liessen wir deshalb eine Rechtsform unter dem Namen QE GmbH eintragen.
Was waren deine schwierigsten Entscheidungen, die du in der Anfangsphase treffen musstest?
Nachdem wir unseren ersten Auftrag gewonnen hatten, kam die Frage der Finanzierung. Technik ist teuer. Einerseits half uns die Vorkasse des ersten Auftrages, das Startkapital der GmbH und zum anderen die direkten Verkäufe einzelner Prototypen. Insbesondere die Mund-zu-Mund Propaganda half uns damals eine grosse Reichweite, für wenig bis kein Geld, zu erhalten. Dennoch mussten wir alles genauestens planen und gewisse Risiken waren omnipräsent. Denn nebst der Pandemie, oder eben deswegen, war der globale Markt angespannt und die Chip-Krise brach aus. Die meisten Bauteile konnten wir nicht mehr über die ordentlichen Distributionskanäle kaufen, kreative Ansätze waren gefragt. An eine Situation mag ich mich besonders gut erinnern: der USB-Chip. Ohne diesen hätten wir keine Daten für die EMPA aufzeichnen können. Doch niemand hatte ihn. So habe ich mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem amerikanischen Unternehmen gemeldet und gesagt, dass wir eine Gesundheitsuntersuchung in Schulen durchführen und dringend auf diese Chips angewiesen seien. Zwei Tage später erhielt ich eine Antwort und liess mir die Bauteile, direkt aus der Produktion stammend, auf privatem Wege zukommen. Es gibt haufenweise solcher Beispiele, bei denen Geschwindigkeit, finanzielle Mittel und Marktprognosen involviert waren. Verkauf, Entwicklung und Produktion verlief meist parallel - was anstrengend und aufregend zugleich war. Rückblickend hätte ich gerne mehr Zeit in die Produktplanung selbst investiert, denn ist es erstmals draussen, gibt es kein zurück mehr. Am Ende waren es rund 1500 verkaufte Prototypen, mit allen Ecken und Kanten, die man sich vorstellen kann. Andererseits haben die unzähligen Feedbacks das Produkt geschärft. Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass unsere vierfarbige Ampel wohl die intuitivste Lüftassistenz auf dem Markt ist. Liegt sicherlich auch daran, dass andere Hersteller keine umfangreichen Luftstudien durchgeführt haben und somit das Interaktionsmass mit ihrer Lösung nicht kennen. Soviel darf gesagt sein: Messgeräte mit Zahlen sind mittel- und langfristig nicht effektiv. Diese Erkenntnis ist ein Nebenprodukt der Studien in über 100 Schweizer Schulen, da einige Klassenzimmer bereits andere Sensorlösungen mit Bildschirm installiert hatten. Somit bestätigte sich auch die am meisten debattierte Entscheidung seit Beginn des Projekts: dass wir auf eine numerische Anzeige verzichten wollen.
Wie konntest du deinen ersten Kunden bzw. Auftrag für dich gewinnen?
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und etwas Pragmatismus. Ein Telefonat an Martin Bühler, damaliger Leiter des Führungsstabs und aktueller Regierungsratspräsidenten vom Kanton Graubünden, reichte für eine Einladung am Folgetag. Das Problem der winterlichen Grippe und Covid ist dasselbe, nämlich das Einatmen von verbrauchter und unhygienischer Luft. Das Problem war sehr akut, und wir hatten eine non-invasive Lösung für den Herbst 2021 im Angebot. Schon bald sassen wir mit der EMPA und weiteren Beteiligten am Tisch (Zoom) und planten die Studie. Das spannende an diesem Projekt war der Umfang und die grosse Bereitschaft der Schulen, daran teilzunehmen. Normalerweise sind die Schulen eigens geführt und es gibt keine Instanz über die Dorfgrenze hinaus. Hinzu kommen die flächendeckenden Gesundheitsdaten, die wöchentlich erhoben wurden. Eine einmalige Gelegenheit also, den Zusammenhang von schlechter Luft und Ansteckungen zu analysieren. Mittlerweile kann man die Wichtigkeit von frischer Luft beziffern: In Räumlichkeiten mit einem niedrigen CO2-Gehalt (frischere Luft) gab es 63% weniger Ansteckungen. Auch wenn wir namentlich nicht erwähnt werden dürfen, sind wir im Herzen stolz auf die gelungene Studie. Wir hoffen, dass wir mit dem Wuerfeli etwas Licht ins Unsichtbare bringen konnten und dadurch dem einen oder anderen der jährliche Schnupfen erspart bleibt.
Welche Herausforderungen siehst du in der nächsten Zeit auf dich zukommen und wie bereitest du dich darauf vor?
Wir sind noch zu jung, um bereits von regelmässigen Vorbereitungszenarien sprechen zu können. Das Wuerfeli der ersten Generation ist nun nach rund zwei Jahren fertig entwickelt, die Feedbacks und Verbesserungen umgesetzt, und bereit für die Distribution. Die Mund-zu-Mund Propaganda hat uns sehr weit gebracht, jedoch lagen die gesamte Produktion und der Vertrieb bei uns Zuhause (wortwörtlich). Nun geht es darum, wie wir Reichweite mit passenden Händler gewinnen können. Zum Beispiel kann man das Wuerfeli neu auf Galaxus, Digitec, Amazon, Interdiscount (online), Microspot, oder sogar im InFlight Shopping Katalog der Edelweiss Fluggesellschaft kaufen. Wir sind stetig auf der Suche nach neuen Absatzkanälen, damit das Produkt seinen Platz im E-Commerce System einnehmen kann. Es gibt immer neue Herausforderungen, und dabei folgen wir unserem Motto getreu: “learning-by-doing”. Probieren, optimieren und zu einem späteren Zeitpunkt automatisieren. Dies ist meiner Ansicht nach nicht die schnellste, aber nachhaltigste Strategie, um möglichst viel dabei zu lernen. Dieses Jahr war sehr lehrreich in Bezug auf Marketing, Distribution und Branding. Natürlich läuft hinter den Kulissen einiges mehr, wir sind schliesslich Bastler im Herzen und tüfteln auch an neuen technischen Lösungen für die gute Luft von morgen.
Inwiefern hat dir die Teilnahme am Startup Trail Graubünden weitergeholfen? Welche Learnings konntest du in die Tat umsetzen?
Die Zugfahrt, die gelungene Organisation und die verschiedenen Geschichten von Machern aus allen Ecken bleiben mir in sehr guter Erinnerung. Einerseits schätze ich es, dass solche Events organisiert werden und andererseits fühlt es sich gut an, mal aus seinem Kopf, seiner meist gleichbleibenden Welt, auszubrechen. Einen Blick nach links, einen Blick nach rechts. Neue Gesichter, neue Fragen, gleiche Probleme. Klingt vielleicht etwas abstrakt, ich versuche es mit einem Beispiel. Eine Person sitzt zu Hause auf dem Sofa und hat die Idee, Gitarre spielen zu lernen. Sie kauft sich eine Gitarre, die ersten Notenblätter und schaut YouTube Videos. Auch der Fokus auf erfolgreiche Gitarristen wird geschärft, die Genialität wird bewusster. Abends im Bett träumt sie von ihrem ersten Konzert im Garten - die Finger streifen gezielt über die Saiten und die schönsten Töne erklingen. Tag für Tag setzt sie sich hin, die Vision vom Gartenkonzert ist da. Ein Video von Jimi Hendrix läuft im Hintergrund. Doch die Finger, die Saiten und die schönen Töne - es ist ein weiter Weg dahin. Gewillt, nicht aufzugeben, findet sie ein Netzwerk von angehenden Gitarristen und wird zu einer gemeinsamen Zugfahrt eingeladen. Man findet schnell ins Gespräch und tauscht sich aus - und realisiert dabei, dass alle dieselben Schwierigkeiten haben - obwohl jeder von ihnen einen anderen Song übt. Einfache Dinge stimmen - wie Saite, Lernpraktiken, Proberaum. Nach dem Treffen geht die Person nach Hause, sitzt mit einem Lächeln auf dem Sofa, nicht etwa weil sie besser Gitarre spielt als zuvor, sondern weil es ihr Mut gegeben hat, dass sie nicht alleine ist. Sie übt weiter. Zu ihrem Glück lernte sie bei der Zugfahrt auch Profi-Gitarristen kennen, die besonders mit den gezielten Fragen einen Perspektivenwechsel provozieren und so neue Lösungsansätze initiieren. Falls du also schon immer ein Instrument spielen wolltest, beginne heute und begib dich auf die Reise mit allen Hürden. Du bist nicht allein.
Abschliessend möchte ich auch noch meine Key-Message respektive Frage teilen: “Wer ist der Zielgruppenbesitzer?”. Ein Dauerbrenner-Thema als Jungunternehmer, die Zielgruppe. Nehmen wir Senior:innen. Doch wie erreiche ich diese? Wie wär’s mit der SBB - gezielte Werbung, unter der Woche, zwischen 8 und 10 Uhr auf allen Fernverkehrsachsen? Oder doch gleich die Freizeitsreisen-Strategie der SBB übernehmen und sich derer anschliessen.
Wo siehst du eure Firma in fünf Jahren?
Meine Lieblingsfrage. Spass beiseite, unsere Vision ist ein Engineering House für junge Macher, die technische Lösungen und Produkte für Endkonsumenten entwickeln wollen. Das haben wir bereits jetzt, wobei ich mir durchaus ein grösseres Team vorstellen kann. Unkompliziert, ehrlich, fair und voller Elan. Unser Team arbeitet aktuell im Teilzeitmodell, im Gegenzug dafür haben wir die volle Entscheidungsfreiheit. Dies soll so bleiben. Falls unsere Produkte ein Vollzeitmodell ermöglichen, ist dies umso schöner - Geduld und Zeit haben wir, Ideen auch. Das Wuerfeli ist unser erstes pfannenfertiges Produkt, mit dem wir den kompletten Entwicklungsprozess von A--Z (Entwicklung, Produktion, Sales, Marketing, Legal, Finance, etc.) durchleben durften. Zu unserem Erstaunen hat die kleine Pyramide bis heute schon viele spannende Türen geöffnet. Dieses Momentum gilt es beizubehalten und auf der positiven Energie aufzubauen, wortwörtlich. Denn aktuell entwickeln wir drei neue Produkte. Ich bin überzeugt, dass wir den einen oder anderen noch überraschen werden.
Welche Erfolge konntest du gemeinsam mit deinem Team bereits feiern?
Wir haben es geschafft, eine Idee vom “Pizza-Zistig” bis zum Serienmodell, das unter anderem auch auf Galaxus erhältlich ist, zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.
Wir haben den weltweit ersten empirischen Beweis erbracht, dass gut belüftete Zimmer 63% weniger Covid-Ansteckungen aufwiesen und somit die Luftübertragung ein reales Problem ist.
Die vierte Farbe des Wuerfelis, Blau, ist ein Resultat der Lüftverhaltensmuster-Analysen von der ersten Studie in Graubünden und wäre ohne Kundeninteraktion nicht existent.
Wir haben eine zweite Luftstudie in 44 Schulhäusern in Lugano lanciert.
Wir durften für das neuste Triathlon Fahrrad von BMC eine Sensorlösung entwickeln, die den Luftwiderstand der Fahrer minimiert. Dazu sind wir nach Mallorca und Lanzarote gereist und konnten direkt im Feld Messungen mit den Athleten durchführen.
Wir haben zwei Entwicklungsaufträge für externe Unternehmen durchgeführt, wodurch im Team die Kompetenzen in verschiedenen Bereichen der Elektrotechnik ausgebaut wurden.
Wir konnten zwei Advisors für uns gewinnen.
Das Wuerfeli ist das neue Give-Away der Universität Zürich und es fliegt auch mit der Edelweiss Airline um die Welt.
All das und vieles mehr haben wir bei unserem ersten Weihnachtsessen inklusive Konzert ordentlich gefeiert. Wir freuen dementsprechend auf die zweite Ausgabe diesen Winter.
Was sind deine Tipps für angehende Gründer/innen?
Rückblickend kann ich mich gut an den Anfangswiderstand erinnern: geht nicht, gibt’s ja schon. Dies geschieht meist ganz früh, noch bevor man sich das erste Mal hinsetzt. Ich bin der Überzeugung, dass die meisten Menschen geniale Ideen haben. Diese dann in konkrete Worte zu fassen, ist der erste und wichtigste Schritt. Sprich darüber, rege die Gedanken anderer an und höre zu - aber auch nicht zu viel. Es ist eine feine Balance. Der Mut, etwas anzugehen, entwickelt sich nur durch das Machen. Nichts von all dem oben war geplant, wir haben begonnen und fortlaufend angepasst. In einer Zeit, in der es scheinbar alles gibt, ist eine gewisse mentale Abgrenzung gesund. Hätten wir von Beginn weg nach links und rechts geschaut, gäbe es heute keinen pyramidenförmigen Würfel. Es würde wohl eher wie ein Wecker aus den 2000er aussehen, mit üppigen Zahlen und einem silber-grauen Gehäuse. Hätten wir von Anfang an geglaubt, dass es alles schon gibt, dann gäbe es uns nicht. Doch alle Ideen, so komisch sie auch erscheinen mögen, haben ihre Berechtigung und man sollte sie verfolgen. Ob es am Ende vom Tag reicht, davon leben zu können, ist beim Start sekundär. Du merkst selbst, wenn deine Idee zu komisch war, um wahr zu sein. Aber gib nicht zu früh auf!
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